Viertes Kapitel


Der Mensch im Islam

1. Zum Wesen der Beziehung zwischen Gott und Mensch

1. Gott hat den Menschen geschaffen und ihn zu seinem Nachfolger auf Erden gemacht. Er hat dem Menschen das ganze Universum (Himmel, Erde und was dazwischen liegt) untergeben und ihn angewiesen. Die Erde zu bevölkern.Das bedeutet, daβ
Gott den Menschen zum Herrn dieses Universums gemacht hat, daβ der Mensch aber nie vergessen darf, daβ er von Gott geschaffen wurde. In diesem Sinne ist er Gott untergeben, dem er dienen soll. Aber dieser Dienst besteht in der Verehrung und Anbetung Gottes, ist also keine Sklaverei. Gott hat den Menschen die Freiheit gegeben, Ihm zu gehorchen oder Ihm nicht zu gehorchen, an ihn zu glauben oder nicht an Ihn zu glauben.

Wer nun will, möge glauben, und wer will, möge nicht glauben. (18,29) (RP,206
Wahlfreiheit ist das Gegenteil zur Sklaverei.Dem Menschen wird immer die Freiheit gegeben, wie er sein Leben gestalten will. Daher ist er verantwortlich für seine Handlungen:

“Wenn einer rechtschaffen handelt, ist es sein eigener Vorteil, wenn einer Böses tut, sein eigener Nachteil. “(45,15) (RP,351f)

2. Gott hat den Menschen mehr als alle anderen Geschöpfe geehrt. So heiβt es im Koran auch:

Und wir waren gegen die Kinder Adams huldreich(...). (17,70) (RP,201)

Diese Würde, die Gott dem Menschen geschenkt hat, steht im Gegensatz zur Demütigung und Verachtung. Als Gott den Menschen geschaffen hat, hat Er ihm von Seinem Geist eingehauscht und den Engeln befohlen, sich vor ihm anbetend niederzuwerfen:

Wenn ich ihn dann geformt und ihm Geist von mir eingeblasen habe, dann fallt (voller Ehrfurcht) vor ihm nieder! (15,29(RP,183)

In diesem Einhauchen des göttlichen Geistes besteht die enge Beziehung zwischen Gott und Mensch. Jedes einzelne Individuum seit der Erschaffung der Menschenheit trägt in sich selbst etwas von diiesem göttlichen Hauch, was den Menschen fühlen läβt, daβ Gott für ihn ständig zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig ist:

Er ist mit euch, wo ihr auch seid. (57,4) (RP,382)
3. Der Koran zeigt uns wie nah Allah dem Menschen ist, näher als eine Halsschlagader:
(...) und wir sind ihm näher als dieHalsschalgader
(50,16) (RP,366)

Gott antwortet dem Menschen, wenn er Ihn anruft:

Und wenn dich Meine Diener (d.h. die Menschen, die Mich allein verehren) nach Mir fragen, so bin Ich (ihnen) nahe und erhöre, wenn einer zu Mir betet, (...) (2,186) (RP,2

Allah ist der Allerbarmherzigste; seine Gnade umfaβt alle Geschöpfe:

Mit Meiner Strafe treffe Ich, wen Ich will. Aber Meine Barmherzigkeit kennt keine Grenzen. (7,156) (RP,120)

Und wenn Gott im Koran einmal mit der Eigenschaft “der Allgewaltige”beschrieben
ist, und zweimal mit der Eigenschaft “der Besieger” , und sechsmal mit der Eigenschaft der Allmächtige , so nennt der Koran Ihn auch 57 mal den “Erbarmer” und 115 mal den “Barmherzigen”, sowie viermal den “Barmherzigsten der Barmherzigen”. Diese Bezeichnung steht auch 114 mal am Anfang jeder Sure. 10 mal wird Er “der Gütige” gennant. Über Seine Barmherzigkeit wird fast unaufhörlich im Koran gesprochen. Alle diese Aussagen sprechen über die tiefe und enge Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott ist dem Menschen nahe mit seiner Barmherzigkeit und antwortet auf seine Gebete. Denn Er liebt ihn mehr als eine Mutter ihr Kind liebt. Und dies fühlt jeder gläubige Muslim in seinem Herzen.

2. Was ist die Stellungnahme des Islam zum menschlichen Verstand?

1. Der Islam ist die einzige Religion, welche die volle Bedeutung des menschlichen Verstandes gewürdigt hat. Der Verstand ermöglicht demMenschen, pflichtbewuβt und verantwortungsvoll zu handeln. Mit dem Verstand erkennt der Mensch seinen Schöpfer und versteht die Geheimnisse der Schöpfung und die Vorherschaft Gottes.

Der Koran wendet sich an den Verstand des Menschen. Er fordert den Menschen auf, das Universum zu studieren, über seine Existenz zu meditieren, es zum Wohle der Menschenheit zu erforschen und sich anzustrengen, überall auf der Erde Wohlstand und Glück zu verbreiten.Im Islam findet man keinen Einwand gegen die Vernuft oder gegen wissenschaftliches Denken. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse werden vom Islam anerkannt.

2. Der Islam verlangt vom Menschen, daβ er seinen Verstand benutzt und über die Schöpfung nachdenkt. (29,20) Er verurteilt die Menschen, die ihre geistigen Fähigkeiten des Denkens, Urteilens und Meditierens nicht benutzen. Er sagt über sie:Sie haben ein Herz, mit dem sie nicht verstehen, Augen, mit denen sie nicht sehen, und Ohren mit denen sie nicht hören. Sie sind (stumpfsinnig) wie Vieh. (7,179) (RP,123)

Der Koran nennt die Vernachlässigung der intellektuellen Fähigkeiten eine Sünde. Über diejenigen, die an Gott nicht glauben, sagt er daβ sie erst am Jüngsten Tag und dann zu spät verstehen werden.

Und sie sagen (weiter):Wenn wir (seinerzeit auf die Warnung) gehört hätten oder verständig gewesen wären, würden wir uns (jetzt) nicht unter den Insassen des Höllenbrandes befinden. (67,10) (RP,401)

3. Der Islam weist den Menschen darauf hin, daβ Gott die ganze Welt geschaffen hat, um ihm zu dienen, und seine Aufgabe darin besteht, seinen Verstand für das Wohlbefinden der Menschenheit und die Fruchtbarmachung der Erde zu bestätigen. Hierzu sagt der Koran: Er hat euch aus der Erde enstehen lassen und euch auf ihr die Möglichkeit zum Leben gegeben. (11,61) (RP,160)

Und Er hat von sich aus alles, was im Himmel und auf der Erde ist, in euren Dienst gestellt. Darin liegen Zeichen für Leute, die nachdenken. (45,13) (RP,351)

Das ganze Universum steht also dem Menschen zur Verfügung, damit er vermittels der Betätigung seines Verstandes der Menschenheit dient.

4. Jeder Muslim ist verpflichtet, sich an die religiön Vorschriften und Gebräuche des Islam gemäβ dem Koran und der Überlieferung des Propheten zu halten. Aber der Mensch ist in weltlichen Sachen immer frei, eine selbstständige Entscheidung z.B. in Rechtsfragen zu treffen. Und das ist, was unser Prophet betont, wenn er sagt:

Ihr seid mit den Angelegenheiten eurer Welt (in der ihr euch jeweils befindet) besser vertraut.

Die Freiheit des Denkens und der wissenschaftlichen Forschung wird durch den Islam garantiert, aber nur so lange, wie damit die Heiligkeit des Glaubens und seiner Glaubensätze sowie des Korans und der Überlieferungen des
Propheten nicht angetastet wird. Jede Art von Versuch, die heiligen Texte zu ändern, zu verzerren oder lächerlich zu machen, ist nicht nur verboten, sondern gilt als eine groβe Sünde, die nicht entschuldigt werden kann.

3. Ist der Islam eine Religion, die den Menschen zum Fatalismus erzieht?

1. Wer die Verse des Korans durchdenkt, wird davon überzeugt, daβ der Islam eine Religion ist, die den Menschen zur Arbeit auffordert. Denn arbeiten heiβt leben, und ohne Arbeit kommt das Leben zu einem Halt. Deswegen finden wir, daβ der Koran in zahlreichen Stellen eine enge Beziehung zwischen dem Glauben und dem Vollbringen guter Taten herstellt. Die gute Tat umfaβt jede Arbeit, die der Mensch ausführt, sei sie religiös oder weltlich; das wichtigste dabei bleibt, daβ bei dieser Arbeit Gottes Segen zum Nutzen der Menschheit angestrebt wird. Dieser Befehl zu wirken ist ganz klar im Koran betont:

Und sag Tut (was ihr wollt)! Gott wird es dann sehen, (Er) und sein Gesandter und die Gläubigen. (9,105) (RP,143

Der Koran fordert die Muslime auf, sogar am Feitag, dem islamischen Feiertag, zu arbeiten:

Doch wenn das Gebet [d.i. Freitagsversammlungsgebet] zu Ende ist, dann geht eure Wege (breitet euch im Land aus )und strebt danach, daβ Gott euch Gunst erweist indem ihr eurem Erwerb nachgeht! (62,10) (RP,394)

2. Unser Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – spornt den Menschen an zur Arbeit bis zur letzten Minute seines Lebens, bis zum Ende der Welt:

Wenn der Tag der Auferstehung kommt und einer von euch hat noch einen Palmschlössling in seiner Hand, dann muβ er ihn pflanzen.

Der Prophet war dagegen, daβ man den ganzen Tag und auch nachts in der Moschee betet und sich von anderen Leuten ernähren läβt. Er lobte und segnete jeden, der seinen Lebensunterhalt selber verdiente und sagte, daβ die Hand, die arbeitet, durch Gott und Seinen Propheten gesegnet wird.

3. Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – ist ein Vorbild aller Muslime, wie es im Koran steht. Er arbeitete und plante, erwog und bereitete alles vor und vertraute alles Allah an (d.i. Tawakul). Das Tawakul oder Gottvertrauen bedeutet nicht, daβ man nicht arbeitet und sich nicht anstrengt. Tawakul ist der letzte Schritt, nachdem der Mensch sein Unternehmen geplant und darüber nachgedacht hat, alles vorbereitet und versucht hat, danach soll er sich mit Geduld auf Gott verlassen.

Dieses Tawakul bereichert den Menschen mit spiritueller Kraft, die ihn befähfigt, seine Probleme mit Hilfe dieser göttlichen Unterstützung zu bewältigen. Deswegen ist das Tawakul als eine positive Kraft zu schätzen, die zur Tätigkeit anspornt und nicht zu einer passiven und fatalistischen Einstellung.

4. Das Tawakul bedeutet jedoch nicht, nichts zu unternehmen, nicht zu arbeiten, mit der Einbildung, Gott wird schon alles wie Er will, ausführen, d.h. der Mensch soll nichts leisten, in der Meinung es geschieht sowieso was Gott will, wenn der Mensch gearbeitet hat oder nicht: (Kismat)
Diese passive, fatalistische Haltung wird vom Islam abgelehnt, denn Gott hilft keinem Menschen, der sich selbst nicht hilft. Gott ist nur mit demjenigen zufrieden, der arbeitet:

Gott verändert nichts an einem Volk, solange sie (d.h. die Angehörigen dieses Volkes) nicht (ihrerseits)verändern, was sie an (?) sich haben. (13,11)

Der 2. Kalif Umar Ibn El Khtab hat einige der Motawakellin , die sich nur in den Moscheen zum Beten aufgehalten haben, ohne zu arbeiten und sich auf andere verlassen haben, um sie zu versorgen, aus der Moschee verjagt und sagte sein berühmtes Wort: Der Himmel regnet weder Gold noch Silber. Dann hat er auf den Hadith des Propheten verweisen: “Wenn ihr euch aufrichtig auf Gott verläβt, so würde Er euch wie die Vögel ernähren, die mit leerem Magen vom Nest wegfliegen und von Gott ernährt zum Nest zurückfliegen.”

Das heiβt also, der Mensch soll die Vögel als Vorbild nehmen, die morgens mit leerem Magen suchen und mit der Hilfe Gottes abends satt zum Nest zurückkehren.

4. Wie steht der Islam zur Demokratie und zu den Menschenrechten?

1. Der Islam gilt als Pionier in Sachen Menschenrechte und besteht auf der Notwendigkeit, sie zu schützen. Jeder, der sich mit der Sharia (Grundgesetz) im Islam auseinandergesetzt hat, weiβ,daβ sie dem Menschen, seinen grundsätzlichen Rechten, seinem Leben, seinem Glauben, seinen Meinungen, seinem Vermögen und seiner Familie Schutz gewährt. Jede Menschenrechtsverletztung wurde im Islam ausdrücklich abgelehnt, wie wir auch aus den Worten des zweiten Kalifs, Umar Ibn El- Khatab erkennen:
“warum versklavt Ihr die Menschen, und sie wurden frei geboren?”

Die Menschenrechte im Islam basieren auf zwei
Grundprinzipen:
dem Prinzip der Gleichberechtigung aller Menschen und b)dem)a)
Prinzip der Freiheit für alle. Gleichberechtigung im Islam beruht auf zwei Grundlagen, der Einheit des Ursprungs aller Menschen sowie der menschlichen Würde eines jeden Einzelnen. Bezüglich des Ursprungs wird im Islam gelehrt, daβ Gott alle Menschen aus einer einzigen Seele schuf,alle sind Brüder in einer groβen Familie ohne Standesprivilegien. Unterscheide zwischen den Menschen beeinträchtigen nicht das Wesen des Menschen als solchem; sie sollen dazu dienen, daβ man einander kennenlernet, daβ man einander toleriert und zusammenarbeitet:

(...) und wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. (49,13)

Die zweite Grundlage der Menschenrechte im Islam besteht in der Würde, die Gott allen Menschen gegeben hat:

Und wir waren gegen die Kinder Adams huldreich (...) (17,70) (RP,201)

Gott machte den Menschen zu seinem Stellvertreter auf Erden . Die Engel warfen sich – auf Befehl Gottes – demütig vor den Menschen nieder. Ihm hat Gott alle Wesen auf Erden und im Himmel untergeben. Damit gilt der Mensch als die Krönung der Schöpfung Gottes. Diese Würde schenkt Gott ausnahmlos allen Menschen, sie soll als Schutzwall für jedes Individuum, ohne Unterscheidung von Armen und Reichen, Herrschern und Beherrschten, dienen. Alle Menschen sind vor Gott und dem Gesetz gleich.

Die Freiheit, das zweite Prinzip, auf dem die Menschenrechte beruhen,ermöglicht dem Menschen,den Auftrag Gottes zu erfüllen: die Erde zu bebauen und eine Zivilisation zu errichten, also die Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Verantwortung ist ohne Freiheit nicht möglich.Dies gilt auch in der Frage der Entscheidung für oder gegen den Glauben:

“Wer nun will, möge glauben, und wer will, möge nicht glauben! (18,29) (RP,206f)”

Freiheit beinhaltet alle Aspekte der menschlichen Freiheit: in religiösen, politischen und intellekteullen Angelegenheiten.

3. Die Rechtsprechung im Islam basiert auf Gerechtigkeit und Beratung(Schura):

Gott befiehlt (zu tun), was recht und billig ist, gut zu handeln" (...) (16,90) (RP,193)”

Gott befiehlt euch, (...) wenn ihr als Scheidrischter tätig seid, zu entscheiden, wie es recht und billig ist. (4,58) (RP)

Die Koranverse bezüglich dieser Thematik sind zahlreich. Schura gilt als ein grundsätzliches und verpflichtendes Prinzip im Islam. Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – hat, wenn er in einer Angelegenheit keine göttliche Offenbarung erhielt, diese mit seinen Genossen gemeinsam besprochen und folgte der Meinung der Mehrheit, auch wenn sie seiner eignen Meinung widersprach: Ein Beispiel dafür ist die Schlacht Ohod. Der Prophet war dagegen, seine Genossen dafür. Er führte den Krieg laut dem Entschluβ der Mehrheit und verlor. Trotzdem bestand der Koran auf dem Prinzip der Schura und adressierte den Propheten in dem folgenden Vers:

„Verzeih ihnen nun und bitte (Gott) für sie um Vergebung, und ratschlage mit ihnen über die Angelegenheit! (3,159) (RP,56)“

Es soll in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daβ die von einigen wenigen Rechtsgelehrten vertretene Meinung: Schura sei nicht verpflichtend, nicht akzeptabel ist, weil sie den Textbelegen aus der Offenbarung widerspricht.

Es ist den Muslimen überlassen, die Form der Schura gemäβ dem allgemeinen Nutzen zu wählen. Sollte sie die jetzige zeitgenössische, in den modernen Ländern angewandte Form annehmen, so hat der Islam nichts dagegen einzuwenden. Die Hauptsache ist eine flexible, zeitgemäβe Anwendung, die jedem Zeitalter mit seinen Lokalen und internationalen Entwicklungen angemessen ist.

Aus unseren Ausführungen geht hervor, daβ der Islam nicht nur auf die Menschenrechte und ihren Schutz achtet, sondern auch auf die richtige Anwendung des Schuraprinzips oder der Demokratie im modernen Sinne des Begriffs.

4. Der Islam bietet dem Meinungspluralismus jede Chance und erlaubt eigene Urteilsbildung in religiösen Angelegenheiten, solange die Bedingungen für die selbstständige Interpretation der Quellen nach eignem Ermessen erfüllt sind, d.h. die Person die notwendige Qualifikation besitzt. Wenn die Person in ihrem Bemühen Erfolg hat, so ist ihre Belohnung eine doppelte, verfehlt sie jedoch das Ziel, so wird ihre Bemühung als solche dennoch anerkannt.

Die Gelehrten der verschiedenen Rechtschulen stellen fest, daβ es bezüglich vieler Rechtsfragen die verschiedensten Meinungen gibt, und niemand kann behaupten, daβ Meinungsverschiedenheiten durch den Islam verboten werden. Ganz im Gegenteil dazu erlaubt der Islam, daβ man beliebig viele Meinungen äuβert, unter der Bedingung allerdings, daβ sie alle sich ernsthaft um die Wohlfahrt, die Sicherheit und den Frieden der Gemeinschaft bemühen.

5. Wie steht der Islam zur Kunst?

1. Der Islam ist eine Religion, welche die Schönheit preist, die überall existiert. Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – sagt. Gott ist schön und mag das Schöne.

Jede Kunst ist in ihrem Wesen eine schöpferische Gestaltung des Schönen. Doch der Islam schätzt die Moral höher als die Schönheit, was aber nicht bedeutet, daβ er die Kunst ablehnt. Nach seiner Lehre ist Moral und Schönheit untrenbar voneinander. Das ist die prinzipielle Grundhaltung des Islam jeder Kunstform gegenüber. Es gibt einen Maβstab im Islam, nach dem jede Kunst beurteilt wird: Was richtig ist, ist gut, und was böse ist, ist verkehrt. Der Koran weist uns in vielen Versen auf die Schönheit des Universmus hin und die Vollkommenheit der Schöpfung, welche jeder, der sie sehen kann, bewundert. (15,10;16,6;41,12).
Daher verdammt der Islam keine Formen der Kunst und keine Kunstwerke, welche Schönheit ausdrücken. Aber wenn sie etwas darstellen, das moralisch oder materiell abstoβend ist, werden sie nicht anerkannt.

2. Wir schlieβen daraus, daβ gegen die Kunst, solange sie als Ziel den geistigen Genuβ und die Verfeinerung des Gefühls hat, vom Standpunkt des Islam nichts einzuwenden ist. Überschreitet aber die Kunst diese Grenze und spricht sie die niedrigen Instinkte im Menschen an und ist ihr Ziel nicht moralisch, sondern im Gegenteil die Verbreitung von Lastern und insofern frevelhaft, dann wird sie vom Standpunkt des Islam abgelehnt.

3. Wenn die Musik schön und harmonisch ist, und die Texte von Liedern verfeinert sind, dann werden sie vom Islam erlaubt, unter der Bedingung, daβ die Leute durch sie nicht zu unmoralischen Handlungen verführt werden. Mit anderen Worten: Wenn die Kunst anstrebt, die menschlichen Gefühle und den Geist des Menschen zu sublimieren, dann ist sie islamisch betrachtet bewundernswert.

Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – lobte die Stimme von Abu Mosa Al Aschari beim Rezitieren des Korans. Er wählte unter seinen Genossen zum Rezitieren immer die schönen Stimmen aus. Der Gesandte Gottes liebte die Musik der Flöte und des Tamburins. An einem Feiertag besuchte AbuBakr seine Tochter Aischa, die Frau des Propheten, und fand bei ihr zwei singende Sklavinnen, die die Schellentrommel schlugen. Abu-Bakr wandte sich dagegen, aber der Prophet Muhammed (Gott segne ihn und schenke ihm Heil) lehnte den Protest Abu-Bakrs ab und sagte. “Laβ sie weitersingen, heute ist der Tag des Festes.” Auch hat der Prophet seine Frau Aischa einmal gebeten, für Gesang zu sorgen bei der Hochzeit von ihrer Verwandten, die mit einem Einwohner von Medina verheiratet wurde.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daβ der Prophet in vielen ähnlichen Situationen Singen und die Musik nicht verboten hat, solange sie nicht begleitet waren von unmoralischen Handlungen und Lastern.

4. Der Islam unterscheidet zwischen dem Tanz von Männern und dem von Frauen. So hat der Islam z.B. nichts gegen folkloristische Aufführungen von Tänzern einzuwenden. Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil- erlaubte seiner Frau Aischa, dem Tanz der Äthiopier an einem Feiertag zuzuschauen. Frauen dürfen vor Frauen tanzen, vor Männern aber nicht, damit jede Form von Verführung zu unmoralischem Verhalten ausgeschlossen wird.

Die Schauspielkunst ist nicht verboten, solange sie der Moral dient. Niemand kann leugnen, daβ die Schauspielkunst eine wichtige Rolle spielt, wenn sie die Probleme der Gesellschaft darstellt, wenn sie ihre Laster verurteilt und Lösungen vorschlägt für ihre Probleme. Auch jede Form von vernünftiger und anständiger Unterhaltung ist erlaubt. Dasselbe gilt für die Photographie, die in unserem zeitgenössischen Leben zu einer unentbehrlichen Notwendigkeit geworden ist.

6. Skulpturen und Statuen verbot der Koran. Dies Verbot hat seinen Ursprung darin, daβ bei der Ankunft des Islam die meisten Leute Götzenbilder anbeteten. Der Islam fürchtete, daβ die Aufstellung von Statuen Anlaβ zu einer erneuten Götzenanbetung geben könnte, wenn der Glaube der Leute nur oberflächlich verankert war.

Zur Zeit besteht diese Möglichkeit nicht und daher gilt das Verbot auch zur Zeit nicht. Doch prinzipiell gilt es nach wie vor, denn das Gesetz des Islam ist für alle Generationen und Zeiten gültig. Es könnte in Zukunft irgendwann wieder nötig sein, dieses Verbot aufzustellen.